Modernes Jujûtsu
Jujûtsu, ganzheitlicher Sport für Körper und Geist, Selbstverteidigung, Philosophie des Seins.
Die Trainingseinheiten vermitteln Selbstsicherheit, Selbstbewußtsein, Intellekt, Rollenverhalten, Kondition, Koordination, Disziplin, Wissen, Rhetorik, Höflichkeit, und und und....
Doch was ist eigentlich Jujûtsu?
Eine leichte Frage, aber wenn man es genau sieht, erfordert es eine etwas umfangreichere Betrachtung.
Beginnen wir mit wichtigen Unterschieden
Kampfkunst: Basierend auf den antiken Kriegstechniken asiatischer Länder entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte diverse Bewegunskünste, die einen fiktiven Kampf durch vorgegebene Techniken im Angriff und der Verteidigung darstellen. Als Beispiel traditionelle Jujûtsu Kata.
Kampfsport:Unter normalen Bedingungen ein fairer Wettkampf durch technischen Punktesieg oder KO System. Verwendet werden festgelegte oder freie Techniken des Kämpfens. Zum Beispiel Duo-Systeme des Jujûtsu oder Jujûtsu Freikampf.
Selbstverteidigung:Die menthale und körperliche Kontrolle eines angreifenden Gegenübers mit geringstmöglichen Mitteln unter Maßgabe notwehrrechtlicher Gesetzgebung.

Meine Tätigkeit als Berufstrainer verknüpft die leidenschaftliche Passion mit der Profession und da ich viel Gutes aber auch sehr viel Unsinniges (letztgenanntes auf der Basis von Unwissen oder der Vermittlung von Scheinwissen) zu diesem Thema gehört habe, gestatten Sie mir bitte etwas mehr Zeit bei der Beantwortung.
Gönnen Sie sich eine Tasse Tee und scrollen Sie los!
Eine universelle Übersetzung ist für mich:
Eine Methode des Kämpfens, sich unbewaffenet oder mit Hilfe einfacher Waffen auf defensiven oder offensiven Weg, gegen einen oder mehrere unbewaffnete oder bewaffnete Angreifer zu verteidigen.
Insbesondere in Deutschland höre ich immer wieder die Aussage, daß es nur "ein" Jujûtsu gäbe. FALSCH!
Natürlich hat sich unser heutiges Jujûtsu aus den Grundlagen des alten japanischen Jujûtsu entwickelt. Die alten Kriegstechniken vermischten sich zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts mit den europäischen typischen Kampfformen des Ringens und des Boxens.
Der Grundstein des modernen Jujûtsu
Der ehrenwerte Altmeister Erich Rahn war der Urvater des modernen Jujûtsu in dieser Form. Viele Jahre und auch noch heute wurde das Wort "Jiu-Jitsu" benutzt. Diese Phonetik ist schlichtweg aus einer falsch gehörten Sprechweise in Japan entstanden und hatte sich im Laufe der Jahre in der westlichen Welt eingebürgert. Versuchen Sie einmal in Japan das Wort Jiu-Jitsu anzuwenden, keiner wird sie verstehen! Denn eigentlich bedeutet die phonetische Aussprache "Jiujitsu" eher die steigende Wut in einem Menschen...und das hat mit unserem Jujûtsu rein gar nichts zu tun.
Aber der Begriff hat sich halt in den letzten 100 Jahren eingebürgert und bei uns weiß halt jeder was man meint. Die Hintergründe zu kennen sollte aber insbesondere für Ausbilder eine Pflicht sein.
In den 70er Jahren hatten sich die namhaften Altmeister Franz-Josef Gresch und Werner Heim damit beschäftigt, daß alte "Jiu-Jitsu" in eine neue Form zu überführen und es einer neuen Zeit gerecht werden zu lassen.
Seit dieser Zeit nahm die Bezeichnung "Ju-Jutsu" ihren Lauf.
Ich werde zukünftig diese Aussprache als "Jujûtsu" schreiben. So kommt es der japanischen Aussprache am nächsten.
Der technische Unterschied war einfach: Im alten Jiu-Jitsu gab es immer noch extrem gefährliche Techniken für die Trainierenden und man wollte es einer breiteren Masse anbieten können. Also reduzierte man viele übergefährliche Techniken, nicht mehr unbedingt akzeptable Techniken in ihrer Verwendung und baute sie in eine praktikablere Form ein.
Techniken aus Tritten, Hebeln, Würfen, Schlägen, Nervendruckpunkten, Befreiungstechniken, Haltegriffe, das Verwenden von Waffen oder Alltagsgegenständen als Waffe..... ein universelles Spektrum in Abhängigkeit der jeweiligen menschlichen Biomotorik und Biodynamik öffnet sich für den Interssierten. Und in den Urformen des Jujûtsu war es nicht anders.
Effektive Selbstverteidigung
Altmeister Erich Rahn demonstrierte bei vielen Wettkämpfen, daß "sein" Jiu-Jitsu unschlagbar war. Aber dies war abhängig von der Qualität des jeweiligen Kämpfers. Vorausgesetzt ein Kampf war nicht abgesprochen...!
Heute kommen immer wieder viele Menschen zu mir, die mir offenbaren wollen wie effektiv doch die Kampfkunst XY im Gegensatz zum Jujûtsu wäre. Tatsache ist, daß solche Aussagen meistens von Menschen kommen, die schon vom Rolltreppenfahren Muskelkater bekommen!
Es ist und bleibt völlig unerheblich welche Art von Kampfkunst oder Kampfsport Sie im Falle einer realistischen Selbstverteidigung ausüben. Entscheidend ist was "Sie" daraus machen. Wenn Sie nicht ausreichend technisch, konditionell, motorisch und kraftspezifisch ausgebildet sind, ist es völlig egal was Sie an Kampfkunst ausüben. Sie werden einfach eins auf die Mütze bekommen. Und das ist in einem solchen Fall auch ok.
Ein guter Boxer gewinnt gegen einen schlechten Jujûtsu-Ka. Ein schlechter Wing Tsung Kämpfer verliert gegen einen guten Jujutsu-Ka. Ein guter Judoka gewinnt gegen einen schlechten Karate-Ka ... Diese Reihe ließe sich noch unendlich fortsetzen. Aber ich gehe mal davon aus, daß Sie wissen worauf ich hinaus will.
Modernes Jujûtsu in der Selbstverteidigung bedeutet für mich persönlich in erster Linie die maximale Kontrolle eines renitenten Gegenübers ohne den Angreifer von vornherein zu schädigen. Eine maximale Kontrolle durch Fingerhebel bedeutet jedoch für den Angreifer, daß er sich bei weiteren Versuchen der Befreiung selbst schädigt. D a s ist Selbstverteidigung auch i.S. juristischer Aspekte.
Die Geschichte des Jujûtsu
Doch zurück zur Geschichte. Es gibt auch in der westlichen Welt mehr als ein Jujûtsu . Es ist abhängig davon wo ein guter Trainer ausgebildet wurde und wo er seine Schwerpunkte setzt. So können Sie manchmal Stilrichtungen im modernen Jujûtsu entdecken, die mehr Beintechniken, die anderen mehr Wurftechniken, die anderen mehr Hebel einbauen. Und dann ist es einfach maßlos arrogant nur von einem Jujûtsu zu sprechen.
Es ist eine große Familie geworden. Mit rühmlichen und manchmal beiläufigen oder unbekannten Familienmitgliedern. Der chinesische Begriff "Wu-Shu" hat ausnahmsweise die gleiche Kanjischreibweise wie das japanische "Bujûtsu". Beide Worte haben die gleiche Übersetzung: "Die Lanze brechen". Etwas vereinfacht könnte man sagen: Das alte chinesische Kung-Fu war der Vater, das japanische Jujûtsu die Mutter und Aikido, Judo, Karate und ihre Abkömmlinge sind die Enkel dieser Verbindung.
Das alte japanische Jujûtsu läßt sich weit zurückverfolgen. Im Jahr 700 war in Japan ein chines. Militärkodex: "Der San-Ryaku" weit bekannt. In diesem Kodex findet man die Passage: "Ju Yoku Go wo Seisu.", was soviel bedeutet wie:
Die Sanftheit kontrolliert die Härte. Zu dieser Zeit wurde in Japan der chinesische Begriff JU mit YAWARAKA übersetzt, hergeleitet aus dem Verb YAWARAGERU für "Weich machen". Da Japan bis Anfang 1700 aus 300 kleinen Baronaten bestand, den so genannten HAN, existierten dort fast ebenso viele "Jujûtsu Ryuhas", die alle ihr eigenes Selbstverständnis in Bezug auf Technik und Philosophie des Kämpfens hatten.
Der Togugawa-Clan versuchte um 1630 einen Überbegriff für die vielen Jujûtsu -Stile zu prägen und man einigte sich auf: YAWARA Jûtsu. Die außerjapanische Einflussnahme des chinesischen Kung-Fu, auf Okinawa als "Chuang Fa" bezeichnet, ist bis heute unbestreitbar.
Auf dem langen Weg von Okinawa zum Festland Japans verlor dieser Einfluß allerdings immer mehr an Gewicht und die ureigene Form des Jujûtsu gewann an Beständigkeit. Als reine Kriegskunst war der Umgang mit allen zur damaligen Zeit verfügbaren Waffen notwendig. Und so war es normal, daß Menschen, die Jujûtsu ausübten, sich mit diversen Waffenformen auskennen mussten. Allerdings war dies streng reglementiert. Denn einem "Normalbürger" war das Tragen von Katana oder ähnlichen typischen Samuraiwaffen untersagt.
Und es gab einen sehr großen Unterschied im Technik-Repertoire, ob ein Zivilbürger oder ein General sich mit der Kampfkunst beschäftigte. Für Militärs war das Kumi-Uchi (Freikampf mit Reglement) oft in Verbindung mit Waffen oder für Rüstungsträger das "Yotsu Gumi", das Gleichgewicht-brechen von Bedeutung. Für Zivilbürger war das "Suhada Kumi-Uchi" eine der frühesten Formen der Straßen-Selbstverteidigung.
Kampfkunst in der Gegenwart
Um 1868 gingen mit dem Beginn der Meji-Reform in Japan viele alte Kampfkünste verloren und insbesondere durch die Wirren des 2. Weltkrieges wurden durch die Alliierten das Ausüben von Kampfkünsten noch einmal untersagt. Denn leider waren sehr viele nationalistische Kräfte ultrarechter Lager in Japan mit den Kampfkünsten stark verbunden und man wollte die Aggression im Keim ersticken. Aber durch die Verbindungen zur westlichen Welt und dem Vermischen mit dortigen Kampfformen führt es heute dazu, daß die alten Künste wieder belebt werden können.
Früher hatten die alten Künste nur dazu gedient Menschen zu zerstören, heute führt es dazu viele Menschen international zusammenzuführen. Und ich bin der absoluten Überzeugung, daß seriöse Kampfsportler mehr multikulturelle Verbindungen weltweit schaffen als viele heuchlerische Politiker vorgaukeln wollen.
Übrigens, Ihr Tee ist kalt geworden!
Noch ein paar persönliche Buchtips
Hapkido von Marc Tedeschi.Bestes Bildmaterial und eine erstklassige Katalogisierung der vitalen Punkte!
Koryu Bujutsu von Serge Mol.Eine der besten Erläuterungen zu den klassischen japanischen Kampfkünsten.
Schwertschmiedekunst von Leon und Hiroko Kapp.Erstklassig Darstellung mit allen Themen zur Kunst des Schmiedens japanischer Katana.
Schwertstähle des Mittelalters von Stefan Mäder.Ein genialer Kenner und wahrer Wissenschaftler aus Leib und Seele.
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